Das Schloss Delley und die Gärten von Tobie de Castella

 

Vor fast 250 Jahren hat ein weltoffener Spross des Freiburger Adelsgeschlecht der de Castella auf dem Gut von Schloss Delley – heute Sitz der Schweizer Saatgutbranche – ein erstaunliches Kleinod von Gartenbaukunst, ganz beseelt vom Geist der Aufklärung,  geschaffen. Seit 1767 Schlossherr von Delley, pflegte Tobie de Castella (1733-1815) mehr als 30 Jahre lang sein Landgut und legte in der Nähe des Schlosses Gärten an, insbesondere eine Eremitage, die heute leider verschwunden ist. Sie gelten als französische Ausdrucksform der «Ferme ornée» («geschmücktes Bauerngut»), eines speziellen Typs der englischen Gartenarchitektur. Die Garten-Schöpfungen sind im Zusammenhang mit Tobies Lektüre der Gartenliteratur zu sehen, die ab 1770 einen bemerkenswerten Aufschwung in Europa erlebte. Dieser Leidenschaft Tobies de Castella verdanken wir die Tatsache, dass sich in Delley eine englisch-chinesische Eremitage befand, die bereits 15 Jahre vor der berühmten Schweizer Eremitage in Arlesheim (1785) entstanden ist.

Die «Ferme ornée» oder das Schöne und das Nützliche

Das Herrenhaus der Familie de Castella de Delley, 1706 errichtet, befindet sich in einzigartiger Lage – Blick zum Jura im Westen und zu den Alpen im Osten. Hier hält sich Tobie de Castella des Längeren auf, nachdem er 1767 seine militärische Laufbahn beendet hat. In einer Epoche, wo Natur und Landschaft entdeckt und thematisiert werden, nimmt er aufwendige Umgestaltungen auf dem Gut vor. So erweiterte er das Hauptgebäude um zwei Flügel und legt ab 1769 im Osten und Nordosten des Herrenhauses eindrucksvolle Gärten und eine Einsiedelei an, die er in der Folge über 30 Jahre lang pflegt.

Der Garten, zwischen Herrenhaus und Kapelle gelegen und durch eine schön geschnittene Hecke begrenzt, ist dem Zeitgeist entsprechend ganz der Schönheit verpflichtet. Als Kontrast dazu verweisen zwei der Hausfassade vorgestellte Bienenhäuser auf die nutzbringenden Funktion des Gartens – Verbindung des Schönen mit dem Nützlichen (s.Abb.2). Dieser Doppelzweck der Anlage entspricht dem typischen Charakter der «Ferme ornée» oder «decorated Farm», einer Sonderform des Englischen Gartens des 18. Jahrhunderts.

In der Bibliothek der Castellas befindet sich auch das Werk "Observation on Modern Gardening",  eine gartentheoretische Schrift des Engländers ‪Thomas Whately aus dem Jahre 1770. Dieser wendet sich darin gegen eine Überzahl von Staffagebauten und befürwortet eine empfindsam-romantische Landschaftsgestaltung. Seine Ideen haben großen Einfluss auf die Entwicklung des Landschaftsgartens im übrigen Europa. Im Gegensatz zu den barocken Gartenanlagen, welche die Natur in geometrisch exakte Formen zwängt, soll sich hier eher das Prinzip der natürlichen Landschaft widerspiegeln. Im Sinne eines „begehbaren  Landschaftsgemäldes“ sollen abwechslungsreiche Eindrücke den Betrachter überraschen und vergnügen.

Auch die Philosophie Jean-Jacques Rousseaus und dessen Sensibilisierung für die Ästhetik des Erhabenen und des Schönen und dem Ideal eines Lebens näher an der Natur beeinflussen die neuen Konzepte der Gartenbaukunst. 

Tobie de Castella versucht nun, sein ganzes Anwesen nach diesen Vorstellungen zu gestalten: die landwirtschaftlich genutzten Bereiche des Anwesens sollen ästhetisch mit den nur dekorativ genutzten Gartenbereichen zu einer Einheit verbunden werden. Dieses Konzept der Verbindung von Ästhetik und Funktionalität wird auch sichtbar in einem Reservoir, das von einer Platane flankiert wird.

Neuengland und der Geist der Freiheit

Die so genannte Neuenglische Promenade besteht aus zwei Gruppen von je vier zu einem Sonnenschirm geschnittenen Platanen. Sie sind inspiriert vom Modell des Anglo-Chinesischen Gartens, das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fast überall in Europa zitiert wird. Eine dieser Platanen hat bis heute überlebt. 

Der Name Neuenglische Promenade verweist auf das England der neuen Gärten, doch dürfte ihn Tobie auch gewählt haben, um seine Begeisterung für die Unabhängigkeit und Freiheit auszudrücken, die sich die Kolonien in Neuengland im Nordosten der Vereinigten Staaten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775–1783) erkämpft hatten.

Im Wald wohnt die Weisheit

Die Collage, die Tobie auf die Rückseite eines der Aquarelle mit Ansichten des Herrenhauses Delley klebt, belegt ein doppeltes Interesse für die Bäume und den Wald. Im Zuge der Entdeckungsreisen in andere Kontinente werden überall in Europa botanische Gärten angelegt, die wiederum einen grossen Einfluss auf die Gartengestaltung haben. Die Platanen, die Mitte des Jahrhunderts von Kleinasien nach Mitteleuropa gelangen, interessieren Tobie. Ebenfalls die Pflege und Veredelung von Obstbäumen und auch seltene Bäume, wenn möglich fremde oder exotische haben es ihm angetan. Andererseits ist für ihn der Wald ein mystischer Ort, ein Ort der Zuflucht, Spiritualität und der Suche nach Weisheit. 

Die Eremitage – ein Ort der Kontemplation 

Ab 1769  beginnt Tobie mit der Errichtung einer Eremitage, die heute nicht mehr existiert. Die an den Wegen dieser Einsiedelei angebrachten Inschriften gehören wohl zu den ungewöhnlichsten Aspekten seines Gartens. Zu jener Zeit waren solche Sinnsprüche, die einer chinesischen Tradition entsprachen, überall in Europa anzutreffen. Ihre Präsenz sollte dem Spaziergänger helfen, die verschiedenen Orte des «sinnlichen» Gartens wahrzunehmen und zu deuten. In Delley haben diese auf Papier gedruckten Inschriften selten einen direkten Bezug zum Garten, sondern sind eher geflügelte Worte mit allgemeinen moralischen, religiösen und politischen Betrachtungen. 

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – die nachhaltigen Erben des Tobie de Castella

Als Pierre de Castella, der letzte Besitzer aus dieser Familie, das Schloss mit den zwei dazugehörenden Gutsbetrieben im Jahre 1941 erbte, war das Gebäude seit dreissig Jahren unbewohnt und hatte unter anderem zum Trocknen von Tabakblättern gedient. Pierre de Castella lässt das Schloss teilweise renovieren und nimmt Wohnsitz in Delley. Der Schweizerische Saatzuchtverband (SZV) kaufte den an die Schlossanlage angrenzenden Betrieb im Jahr 1975. Im Jahr 1983 gelangte die gesamte Schlossanlage an die Stiftung Schloss Delley und wurde Sitz der Schweizer Saatzuchtbranche. Ab 1984 wurden das Schlossgebäude und die Kapelle in mehreren Etappen renoviert und restauriert.